Ein Lieblingskrimi wird erwachsen


Zum sage und schreibe 40. Mal ermitteln Professor Boerne und Kommissär Thiel in „Des Teufels langer Atem“ verbinden in Münster – und verführen wiewohl c/o ihrem Doppeljubiläum wieder Mio. vor die Bildschirme. Welches ist nur dies Erfolgsrezept des ungleichen Teams?

2002 war ein ereignisreiches Jahr: Während die Deutschen noch dieser D-Mark hinterhertrauerten und hoch den neueingeführten „Teuro“ klagten, wütete an dieser Elbe dies erste Jahrhunderthochwasser des Jahrhunderts (es sollte nicht dies Einzige bleiben) – und Michael Schumacher fuhr in dieser Rechnung 1 zu Weltmeistertitel Nummer fünf. Dass in Münster ein neues „Tatort“-Ermittlerteam an den Start ging, war da tendenziell Randnotiz: „Nur“ 8,8 Mio. Menschen wollten am 20. zehnter Monat des Jahres sehen, wie ein kauziger Kommissär und ein blasierter Pathologe in „Der dunkle Fleck“ zusammen uff Verbrecherjagd gingen.

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Im direkten Vergleich (hier ein Foto vom Premiere 2002) gut zu wiedererkennen: Nicht jeder altert gleich gut.

(Foto: picture alliance / dpa)

Heute sieht die Sache ganz andersartig aus: Kommissär Thiel (Axel Prahl) und Professor Boerne (Jan Josef Liefers) verführen regelmäßig so gut wie 15 Mio. Menschen vor die Bildschirme und sind im 20. Jahr ihrer professionellen Zusammenhang so irgendwas wie dieser letzte große Leuchtturm im linearen In die Röhre gucken. Einschaltquoten um die 40 v. H. sind in Zeiten von Youtube, Netflix und all den anderen Streamingangeboten im Netzwerk noch bemerkenswerter wie ohnehin schon, und ein Finale dieser Erfolgsstory ist nicht in Sicht, ganz im Gegenteil: Die beiden erfolgreichsten Fälle „Fangschuss“ (2017, 14,6 Mio. Zuschauer) und „Rhythm and Love“ (2021, 14,2 Mio.) stammen aus dieser jüngsten Vergangenheit.

Die große Frage nachher dem Rezept zu Händen den überwältigenden und immer noch anhaltenden Klopper des Ermittlerteams nach sich ziehen wir uns wiewohl in dieser Redaktion immer wieder gestellt. Noch 2018 lautete unsrige nicht selten freundliche Theorie: „Kennste einen, kennste alle.“ Gefolgt von einem tendenziell kruden Vergleich: „Was haben der Münsteraner ‚Tatort‘ und Fußball gemeinsam? Beide dauern 90 Minuten, jedes Mal passiert im Grunde genommen dasselbe und trotzdem schauen Millionen von Menschen zu. Warum ist so? Am Humor kann es schlecht liegen, der bewegt sich schließlich auf Augenhöhe mit dem Einstieg in diesen Text. Vielleicht ist es die Formelhaftigkeit beider Formate, die in unseren stürmischen Zeiten anziehend und beruhigend wirkt.“

Boerne und Thiel nach sich ziehen sich mächtig weiterentwickelt

Dass dies nicht die ganze Erwiderung sein kann, wissen wir mittlerweile. Denn obwohl die Zeiten dank Corona nun wirklich nicht weniger stürmisch geworden sind, nach sich ziehen Boerne und Thiel sich in dieser Zwischenzeit mächtig weiterentwickelt – und dürften mit „Des Teufels langer Atem“ trotzdem wieder zu Händen zusammenführen Lagerfeuer-Moment sorgen, welches die Zuschauerzahlen angeht. Wie ihre direkten Vorgänger ist wiewohl die Doppeljubiläumsfolge – es ist synchron dieser 40. Kernpunkt des Ermittlerduos – lange Zeit nicht so klamaukig wie frühere Episoden. Die Lieblingsermittler dieser Deutschen werden demgemäß langsam erwachsen, und die allermeisten Zuschauer scheinen dies ganz gut zu finden.

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Eine viel bessere Erläuterung wie dieser Verfasser dieses Texts hat deswegen Drehbuchverfasser Thorsten Wettcke, dieser dem Münsteraner Team schon seinen fünften Kernpunkt seit dem Zeitpunkt 2011 uff den Leib geschrieben hat: „ Besondere am Münster-‚Tatort‘ ist ja die absolute Klarheit der beiden Hauptfiguren – und dass wir bei jedem Film wieder bei null anfangen. Will sagen: Auch wenn Thiel und Boerne sich mal verbrüdern oder sich das ‚Du‘ anbieten, beim nächsten Film starten sie frotzelnd wie eh und je und per ‚Sie‘. (…) Wenn man Thiel und Boerne anschaltet, bekommt man Thiel und Boerne.“ Welches sich hingegen verändert habe, sei die Spanne des Erzählbaren: In „Limbus“ muss sich Boerne wie Gespenst durch die Vorhölle stoßen, „Lakritz“ erzählt die bonbonfarbene junge Jahre des Professors in den 70ern, „und bei ‚Des Teufels langer Atem‘ durchlebt Thiel eine Tour de Force, die ihn in den meisten anderen Formaten nachhaltig verändert hätte. Nicht so in Münster. Da wird er zu Beginn des nächsten Falls wieder ganz der Alte sein. Und das ist auch gut so.“

Ob dies Rezept wiewohl hoch die nächsten zwei Jahrzehnte trägt, steht noch in den Sternen. Wohl zumindest die Hauptdarsteller wagen schon mal zusammenführen sehr weiten Blick in die Zukunft: „Wir drehen zwei ‚Tatorte‘ im Jahr, heißt unser 80. ‚Tatort‘ würde in 20 Jahren, also im Jahr 2042 gedreht werden“, rechnet Axel Prahl vor. „Da bin ich dann 82. Vermutlich werde ich dann die Verbrecher mit meinem Krückstock jagen. Wenn ich nicht gerade Prof. Boerne mit seinem Rollstuhl durch die Gegend fahren muss.“ Wohl eins nachher dem anderen: 2022 gibt es sogar drei neue Fälle aus Münster, „Des Teufels langer Atem“ war demgemäß nur dieser Werden eines langen Jubiläumsjahres.