„Erweiterte Weltspitze“: WM-Pleite schockt deutsche Radelite nicht


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Bei der WM spielten die deutschen Asse keine große Rolle.

(Foto: imago images/Mario Stiehl)

Der deutsche Radsport wähnt sich gerne auf Augenhöhe mit den weltbesten Nationen, doch in den olympischen Disziplinen auf der Straße gab es in den letzten drei Jahren keine WM-Medaille mehr. Und Tokio 2020 ist nicht mehr fern. Für Panik sorgen die Ergebnisse indes nicht.

Maximilian Schachmann wegen eines Infekts gar nicht erst angereist, Tony Martin noch arg gehandicapt von einem schlimmen Sturz bei der Vuelta und ein John Degenkolb, der am Ende einer schwierigen Saison steht – für den Bund Deutscher Radfahrer hätten die Voraussetzungen für die WM in Großbritannien fraglos besser sein können. Unter dem Strich stehen jedoch die dritten Straßen-Titelkämpfe in Serie ohne Medaille in den olympischen Disziplinen.

„Ich sehe uns in der erweiterten Weltspitze“, sagte BDR-Sportdirektor Patrick Moster dennoch – und kündigte immerhin einen Podestplatz als Zielstellung für Tokio 2020 an. Schachmann, Martin, dazu Kletterer wie Emanuel Buchmann und Lennard Kämna, Sprinter wie Pascal Ackermann oder Klassikerspezialisten wie John Degenkolb und Nils Politt: Für die Männer mag Mosters Einschätzung zutreffend sein, auch wenn so mancher der Genannten noch nicht oder nicht mehr als echter Siegfahrer zu bezeichnen ist. „ befinden uns gerade im Umbruch“, sagte Moster daher und hob für die Zukunft vor allem Schachmann und Kämna heraus.

Hoffnung bei den Männern, Sorgen bei den Frauen

Einige olympische Mindestziele durfte der BDR in der britischen Grafschaft Yorkshire immerhin abhaken. Bei Frauen und Männern reichten die Zeitfahr-Leistungen, um den garantierten zweiten Startplatz für die Sommerspiele abzusichern. Dies verhindert etwa bei den Männern ein mögliches Gerangel zwischen Schachmann und Martin um nur ein Olympiaticket. In den Straßenrennen läuft es auf jeweils vier Startplätze hinaus.

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Hinzu kommt der Faktor Streckenführung. Gerade bei den weltbesten Radprofis spielt Spezialisierung eine bedeutende Rolle, Alleskönner wie der Slowake Peter Sagan sind eine Rarität. Deshalb findet Moster Vergleiche „immer schwierig“, weil Weltmeisterschaften von Jahr zu Jahr einen anderen Charakter hätten. Ergebnisse zwischen Rang fünf (Lisa Klein) und 15 (Degenkolb) sind an den Ansprüchen gemessen dennoch schlicht zu wenig, selbst wenn sie die Leistungen nicht immer widerspiegeln. So muss Moster bei aller demonstrierten Gelassenheit zurecht konstatieren: „Es gibt Nationen, die entspannter nach Tokio gehen.“

Im Nachwuchs steckt noch einiges an Potenzial

Bei den Männern steckt ohne Zweifel im Nachwuchs noch einiges an Potenzial. Mindestens vier deutsche Jungprofis (Jonas Rutsch, Georg Zimmermann, Jannik Steimle, Martin Salmon) rücken für 2020 in die World Tour, die höchste Kategorie des Radsports, auf und dahinter wächst in Marco Brenner (17) ein großes Talent heran. Problematischer ist die Situation bei den Frauen. Auch wenn die Ergebnisse besser waren als in den Vorjahren, die letzte Medaille gab es 2015 (Zeitfahr-Bronze durch Lisa Brennauer) und wegen der enormen Dominanz der Niederlande werden Podestplätze auch in Zukunft äußerst schwierig. Das Potenzial dazu besitzt derzeit wohl nur die Saarländerin Klein.

Bleibt die Frage, wann Deutschland nun endlich wieder einen Profi-Weltmeister stellt? Der Kurs im kommenden Jahr in der Schweiz könnte auf dem Papier erneut Schachmann oder auch Buchmann liegen, im Jahr darauf in Flandern dürfte ein klassikerähnliches Rennen wie in Harrogate entstehen. Gewisse deutsche Chancen wird es immer geben. Aber bis wann der Nachfolger von Rudi Altig (1966) gefunden ist, lässt sich nicht prognostizieren. Dafür ist die Weltspitze nun wieder zu breit.



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