Fünf Lehren jener WM in Hauptstadt von Katar: Wüsten-WM wollen weder Athleten noch Fans


Großartige Leistungen, leere Ränge, Startblock-Kameras: Was bleibt von der Leichathletik-WM in Doha? Die Wüsten-Wettkämpfe in Katar sind nur für die Veranstalter ein Erfolg. Sie scheffeln Kohle auf dem Rücken der Athleten. Deutschland schlägt sich trotzdem wacker.

1. Eine Wüsten-WM wollen weder Athleten noch Fans

Was bleibt von der WM? Gewiss, der Weltrekord von Dalilah Muhammad über 400 m Hürden, Niklas Klaus als jüngster Zehnkampf-Weltmeister, Malaika Mihambos 7,30-m-Riesensatz für die Ewigkeit oder der engste Kugelstoß-Wettkampf aller Zeiten. Aber auch Bild von leeren Sitzschalen bleibt den Zuschauern im Kopf. Oder die abgebrochene Medaillenzeremonie des Hochsprung-Lokalmatadoren Mutaz Essa Barshim in einem verwaisten Stadion.

Keine Fans, keine Stimmung, kein Applaus: Die Leichtathleten mussten eine WM erleben, bei der sie nicht zu neuen Höchstleistungen nach vorne gepeitscht wurden. Das hängt natürlich damit zusammen, dass im Emirat bei lediglich 230.000 Einheimischen ungefähr 1,6 Millionen Ausländer unter teilweise prekären Bedingungen arbeiten und leben. Sie haben andere Probleme, als sich um ein Ticket für die WM zu bemühen. Der Veranstalter reagierte und karrte nach den ersten Tagen der Leere Soldaten und weitere Aushilfsklatscher ins Stadion (das ist übrigens auch bei anderen -Wettkämpfen eine normale Praxis). Allein: Gegen die maue Stimmung half es nichts.

Im Gedächtnis bleibt auch der größte Kühlschrank der , das Khalifa-Stadion, das bei Außentemperaturen von 40 auf Mitte 20 Grad Celsius heruntergekühlt wurde. Das ist natürlich absoluter Mist fürs Klima. Und der Wechsel von heiß zu kalt setzte den Sportler so zu, dass sie sich fast nur im Hotel aufhielten. Ein wenig mehr Kühlschrank hätten sich allerdings die Marathonläufer und Geher gewünscht, die ihre Wettkämpfe zur Unzeit um Mitternacht bei immer noch extremen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit außerhalb des Stadions absolvieren mussten und reihenweise umkippten.

Auch die dubiosen Umstände, unter denen der Öl-Staat die WM erhielt, wohl inklusive Stimmenkauf, bleibt in Erinnerung. Dass überhaupt ein Land, in dem Menschenrechte mit Füßen getreten werden, den Zuschlag bekam, und versucht mittels der WM sein ramponiertes Image aufzupolieren, geht mit dem Gedanken des Sports nicht überein. Was im Fußball schon längst klar ist, gilt mittlerweile auch in der Leichtathletik: Geld regiert. Es verdient ausschließlich der Veranstalter. Die Sportler sind seine Ware und werden benutzt, durchgekaut und ausgespuckt. Bei der Fußball-WM 2022 winkt allen Beteiligten Ähnliches – und auch sie wird nicht aufzuhalten sein.

Ein ehrliches – und das relevanteste – Urteil können nur die Athleten fällen: “Ich möchte jetzt nur noch nach Hause. Mich hält hier nichts”, sagte Kugelstoßerin und Bronzegewinnerin Christina Schwanitz. Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul fügte hinzu, man habe der Leichtathletik mit der WM in Katar “keinen Gefallen” getan. Geher-Weltrekordler Yohann Diniz setzt dem Ganzen noch eine Schippe drauf: “Da draußen haben sie uns in einen Backofen geschoben. Sie haben aus uns Meerschweinchen gemacht, Versuchskaninchen.”

2. Block-Cams und Filmverbot: Die IAAF muss sich neu aufstellen

Der ehemalige IAAF-Präsident Lamine Diack und sein Sohn stecken tief im Korruptionssumpf um die WM-Vergabe nach Katar. Auch wenn Diacks Nachfolger Sebastian Coe da noch nicht im Amt war, verwirrte er mit seinem bizarren und weltfremden WM-Fazit. “Wir sehen hier, dass Katar ein tolles Land für die Leichtathletik ist”, sagte Coe in der ARD: “Wir bringen die Sportart dorthin, wo sie gut ankommen kann.”

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Schneller als Colemann war bei einer WM nur Bolt.

(Foto: REUTERS)

Der Weltverband ist nach wie vor ein Verein der korrumpierbaren, alten Männer. Eine Frau hat den Verband noch nie angeführt und im IAAF-Rat sitzen 23 männliche und vier weibliche Mitglieder – und er agiert auch so. Er war es, der die übergriffigen Startblock-Kameras entwickelte und installierte, die Sportlerinnen und Sportler in den Schritt filmte und gegen die der DLV nach der Kritik von Sprinterin Gina Lückenkemper und Co. Protest einlegte. Was dagegen nicht gefilmt werden sollte, waren kollabierende Marathonläuferinnen, wie ein ARD-Reporter berichtete. Kamerateams wurden sogar rabiat weggestoßen.

3. Das sportlichen Niveau war hervorragend

Auch wenn es im Stadion nur wenige Fans mitverfolgen konnten, die Zuschauer an den TV-Geräten bekamen ein absolutes Top-Niveau geboten. In fast jeder Disziplin liefen die Athletinnen und Athleten schneller und sprangen und stießen weiter und höher als in den vorherigen Jahren.

Im 100-m-Finale der Frauen gewann Shelly-Ann Fraser-Pryce in 10,71 Sekunden, während 2017 Torie Bowie 10,85 Sekunden brauchte. Bei den Männern toppte Christian Coleman mit seinen 9,76 Sekunden locker den 2017-Weltmeister Justin Gatlin (9,92 Sekunden) und sogar Weltrekordler Usain Bolt bei seinem Goldlauf 2015 in Peking (9,79 Sekunden). Dina Asher-Smith und Noah Lyles über 200 m, Sifan Hassan und Timothy Cheruiyot über 1500 m oder Hellen Obiri und Muktar Edirs über 5000 m liefen alle schneller als ihre Vorgänger 2017. “Jahrhunderttalent” Konstanze Klosterhalfen hätte mit ihrer Zeit über 5000 m vor zwei Jahren noch Gold gewonnen. Auch die Weitspringerinnen (Mihambos Sprung über 7,30 m bleibt unvergessen) und Weitspringer und die Kugelstoßer (WM-Sieger Joe Kovacs stieß fast einen Meter weiter als Tomas Walsh vor zwei Jahren) überboten die Weltmeister 2017 und 2015.

Niklas Kaul jubelt. Foto: Michael Kappeler/dpa

Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Das heruntergekühlte Stadion ohne auch nur einen Hauch von Wind bot für die Sportler nahezu Laborbedingungen, die Athleten lobten mehrfach die hervorragenden Anlagen. Doch der Marathon fand draußen und um Mitternacht statt. Deshalb liefen die Sieger bei den Frauen fünf Minuten und bei den Männern mehr als zwei Minuten langsamer als bei der WM 2017. Die Geherinnen und Geher über 50 km trafen die äußeren Umstände noch härter. Sie erreichten etwa eine halbe später als vor zwei Jahren das Ziel. Der deutsche Siebtplatzierte Carl Dohmann sagte im Anschluss: Der Wettkampf war nicht normal. Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich 4:10 Stunden gehe, dann hätte ich gesagt: “Nie im Leben wird man damit Siebter.””

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4. Deutschland performt, wie Deutschland performen kann

Klar, der DLV hinkt im weltweiten Vergleich hinterher, besonders in den Laufdisziplinen. Aber das liegt nicht an den Sportlern, ihrem Talent oder ihrem Trainingsehrgeiz. Es liegt an geringen Fördermitteln, am eingestaubten Leichtathletik-Vereinssystem und an der Infrastruktur in einem Land, in dem Leichtathletik maximal einmal im Jahr im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht. Das College-System der USA (mit 29 Auszeichnungen Nummer eins im Medaillenspiegel) kann Deutschland nicht einfach kopieren, doch die Talentsuche, -findung und -ausbildung müsste auf anderen Wegen gefördert werden.

Deutschland hat sich, was die eigenen Möglichkeiten betrifft, sehr gut geschlagen – und im Vergleich zum Vorjahr sogar verbessert. Zwei Goldmedaillen und vier Bronzemedaillen stehen einmal Gold, zweimal Silber und zweimal Bronze 2017 gegenüber. 2015 gewannen die DLV-Athleten insgesamt acht Medaillen, darunter zwei goldene.

In Doha gewann Niklas Kaul nach seinem vierten Platz bei den Europameisterschaften 2018 als jüngster Zehnkämpfer jemals sensationell den Weltmeistertitel. Mihambos Sprung für die Ewigkeit, mit der sie die Konkurrenz um mindestens 38 Zentimeter distanzierte, krönte ihre unglaublich konstante Saison. Gesa Krause lief eine beispiellose letzte Runde bei den 3000 m Hindernis und erkämpfte sich wie vor vier Jahren in Peking Bronze. Christina Schwanitz komplettierte mit Bronze ihren Kugelstoß-Medaillensatz nach Silber 2013 in Moskau und Gold 2015 in Peking. Konstanze Klosterhalfen zeigte mit ihrer Bronzemedaille über 5000 m, dass sie mit nur 22 Jahren schon in der Weltspitze läuft. Und auch wenn Johannes Vetter mit seinem Qualifikationswurf Gold gewonnen hätte, durfte der Titelverteidiger stolz auf Bronze im Speerwurf sein.

Auch wenn andere Erfolge ausblieben, meckern bringt nichts: Freuen wir uns, über die Erfolge und darüber, dass Deutschland durchaus Ausnahmeathleten hat.

5. Keine WM ohne -Skandal

Den ersten Skandal gab es schon vor der WM. Der Favorit über 100 m, Christian Coleman, hatte gleich drei Dopingtests verpasst und der Sprinter sollte laut der US-Anti-Doping-Agentur Usada gesperrt werden. Letztendlich war eine Sperre laut Regelwerk doch nicht rechtmäßig, Coleman durfte starten – und gewann als erster in der post-Bolt Ära in der zweitschnellsten WM-Siegerzeit der Geschichte. Gesperrt wegen Staatsdopings blieb weiterhin der russische Verband, seine 29 Athleten traten in Doha unter zahlreichen Auflagen und neutraler Flagge an.

Und dann war da noch der Skandal um die US-Laufgruppe von Konstanze Klosterhalfen. Der Cheftrainer des Nike Oregon Projects, Alberto Salazar, wurde während der WM aufgrund von Dopingverstößen im Zeitraum von 2010 bis 2014 zu vier Jahren Sperre verurteilt und musste ausreisen. Klosterhalfen wechselte Ende 2018 in die USA und trainiert dort unter dem Assistenztrainer Pete Julien. “Koko”, die auch in Oregon regelmäßig Dopingtests absolviert, hatte über die Jahre ihre Leistung konstant gesteigert und kann nun in großen Wettkämpfen mit der Weltspitze mithalten. Aus sportlicher Sicht machte ein Wechsel in die Nike-Trainingsgruppe mit viel mehr Möglichkeiten als Deutschland bieten kann sicherlich Sinn. Aber die Läuferin, die weiterhin in den USA trainieren will, wird nun immer gegen Verdächtigungen ankämpfen müssen, da der Ruf des Oregon Projects ruiniert ist. Klosterhalfen schien der Tumult aber nichts auszumachen: In einem spektakulären Rennen über 5000 m gewann sie ihre erste Medaille bei einer WM.



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