NFL zu Gast nebst Tottenham: Schwere Jungs eröffnen gewaltiges Spektakel


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Chicagos Buster Skrine fliegt durch die Londoner Luft – in dieser Situation erfolgreich, am Ende aber vergeblich.

(Foto: imago images/Action Plus)

Die größte Sportliga der Welt hält Hof: Zum 25. Mal verlässt die National Football League die , um ein Ligaspiel in London zu absolvieren, zum ersten Mal im neuen Stadion von Tottenham Hotspur. In einer hochklassigen Partie gewinnen die Oakland Raiders gegen die Chicago Bears.

Normalerweise sind die Spiele der NFL in London nicht sehr aufregend. Die sportlichen Schwergewichte sollen im Sinne der Liga lieber die Zuschauer daheim in den USA fernsehwirksam begeistern. Am Sonntag war das anders. Die nordamerikanische Football-Liga hatte zwar nur die Oakland Raiders und die Chicago Bears, zwei eher mittelprächtige Teams, nach Europa ins neue Stadion von Tottenham Hotspur geschickt. Die aber lieferten vor 60.463 Zuschauern: Die Raiders lagen zur Halbzeit mit 17:0 vorne, verspielten den Vorsprung aber innerhalb weniger Minuten. Chicago ging sogar in Führung, hielt die aber nicht. Am Ende holten sich die Raiders den Sieg in einem Spiel, das die Fans und Mannschaften begeisterte. Oaklands Trainer Jon Gruden schwärmte von einem “Big win”.

Auf dem Papier war die Begegnung also nicht das Topspiel. Aber die NFL lebt auch von den Randgeschichten. Die Oakland Raiders standen im Sommer noch ohne Stadion da. Das Team zieht im kommenden Jahr um und heißt dann Las Vegas Raiders. Die bisherige Heimatstadt Oakland wollte das Team eigentlich deshalb nicht mehr im Stadion in Kalifornien spielen lassen. Es gab Überlegungen, die Raiders für ein Jahr komplett in London zu parken oder auf eine Art Welttournee zu schicken. Die Fans waren sowieso schon durch den angekündigten Umzug vergrault. Am Ende konnte man sich doch noch einigen, und das Team bleibt für ein letztes Jahr in Oakland.

Skandal-Klub Oakland Raiders

Dieses Chaos ist aber nur einer der Mosaiksteine, die sich zum Bild der dezent unkontrollierbaren Franchise zusammensetzen. Vorige Saison ließen die Raider den besten Spieler Khalil Mack ziehen, der bei seinem neuen Verein einen 140 Millionen Dollar Vertrag bekam und zum teuersten Verteidiger der NFL wurde. Der neue Verein waren die Chicago Bears. Auch Skandalprofi Antonio Brown war ein Raider. Dann fiel das Ausnahmetalent durch allerhand Dummheiten auf. Er zog sich Erfrierungen an den Füßen zu, weil er ohne Schutz in die Kältekammer ging. Dann wollte er nicht den vorgeschriebenen neuen Helm tragen. Die Raiders setzten Brown vor die Tür, er wechselte zum Meister New England Patriots, machte ein einziges Spiel und flog auch da wieder raus. Jetzt sitzt Brown bockig zu Hause und ist vereinslos.

Das war aber noch immer nicht alles. Erst vorige Woche drehte Oaklands Linebacker Vontaze Burfict durch. Er rammte auf dem Feld seinen Gegenspieler mit dem Helm voran. In der NFL gibt es dafür einen Platzverweis. Solche Aktionen fördern Gehirnerschütterungen und da ist die Liga sehr sensibel geworden. Die Strafe: Sperre bis Saisonende. Auch, weil Burfict Wiederholungstäter mit einem Dutzend anderer Vergehen ist. Kurios: Burfict war schon mit den Oakland Raiders in London, als die Strafe verhängt wurde. Seine Kollegen durften spielen – er flog zurück nach Oakland. All diese Randgeschichten schienen gut abgehakt zu sein. Trainer Jon Gruden lobte nach dem Spiel “den Kampf” seines Teams.

Hymnen auf “die beste Arena”

Gegner Chicago ist dabei traditionell weniger skandalträchtig unterwegs, auch sportlich war die jüngere Vergangenheit erfreulicher. Die Mannschaft war in der vergangenen Saison nur durch ein verpasstes Fieldgoal kurz vor Schluss aus den Playoffs geflogen. Der damalige Kicker ist nach seinem Fehlschuss gefeuert worden und die Bears glänzen wieder mal durch ihre Verteidigung – angeführt von Ex-Raider Khalil Mack. Diese Defensive hielt aber in London nur bedingt zusammen. Die Bears leiden zudem an der Quarterback-Seuche in der NFL. Viele Vereine haben ihre Spielmacher durch Verletzungen verloren und müssen die Ersatzleute aufs Feld schicken. So auch die Bears. Mitchell Trubisky musste zuschauen.

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Die NFL-Stars fühlten sich wohl in London.

(Foto: imago images/Icon SMI)

Sein Ersatz Chase Daniel war schon mit anderen Teams in London unterwegs – und war nach seiner unaufgeregten Vorstellung mal wieder begeistert von der Stimmung in Europa. Nur eine Sache verwunderte den am Sonntagabend noch 32-Jährigen: “Wenn wir gegen den Ball treten, flippt das Stadion aus.” Eigentlich geht es beim doch mehr ums Werfen, Fangen und Laufen, Kickoffs und Fieldgoals reißen daheim kaum jemanden von den Sitzen. Den Fußball bekommt man in Europa eben auch aus dem Football nicht ganz hinaus. Daniels Gegenüber bei den Oakland Raiders, Derek Carr, ist ein Quarterback, der in sechs NFL-Saisons schon viel gesehen hat. Ein Stadion wie das in Tottenham aber noch nicht. Er schwärmte von der “besten Arena, in der er jemals gespielt hat”.

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Das Stadion ist das 187., in dem die NFL in ihren 100 Jahren seit Gründung ein Ligaspiel abgehalten hat. Die Arena wurde im April eröffnet und bei der Planung wurde berücksichtigt, hier die NFL zu Gast sein wird. In Wembley etwa, wo die NFL seit 2007 spielt, muss improvisiert werden, um den 53-köpfigen Kader eines Teams in die Kabine zu bekommen. In Tottenham wurden extra Kabinen für die großen Teams mit den großen Jungs gebaut. Es gibt auch ein Spielfeld, das nur für die NFL installiert wird. Wenn Tottenhams Fußballer ihr nächstes Heimspiel bestreiten, müssen sie also nicht über einen umgepflügten Acker laufen.

Brandschutzprobleme wie am BER

Eigentlich hätte die Premiere in dem neuen Stadion vor einem Jahr stattfinden sollen, aber es gab Probleme mit dem Brandschutz. Dennoch ging der Bau schnell voran. 2016 wurden die Pläne für die eine Milliarde Euro teure Arena vom Bürgermeister abgesegnet. Das war ein gewisser Boris Johnson. Jetzt hat die NFL ein neues Zuhause. Für die kommenden zehn Jahren werden im Tottenham Stadium zwei Spiele pro Saison ausgetragen.

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Ob das eigene Team beim Spiel dabei war? Für viele Fans war das nicht so wichtig.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Nach dem Spektakel vom Sonntag dürfte die Liga jetzt schon von einer Erfolgsgeschichte sprechen. Sechs Stunden vor dem Spiel hatten die ersten Fans Stimmung gemacht, verkleidet, bemalt und im Trikot ihres Teams. Anders als beim Fußball feiern beim Football Fans beider Lager nebeneinander. Rivalität gibt es kaum. Übermäßigen Bierkonsum auch nicht. Der Verkauf der Sieben-Euro-Becher wurde lange vor Ende des Spiels eingestellt. Aus Sicherheitsgründen.

Die NFL experimentiert seit 2007 mit Spielen außerhalb Nordamerikas. Europa gilt als großer Markt. Und fast jedes Jahr wird die Frage gestellt: Wird es ein festes NFL-Team in London geben? Eine konkrete Antwort steht aus. Der Markt sei sicher da, sagen die Verantwortlichen. Es müssten aber Wege gefunden werden, wie die lange Anreise und die Zeitverschiebung nicht zum Nachteil werden. Da es bei der NFL mit ihrem Jahresumsatz von zwölf Milliarden Euro darum geht, möglichst viel Geld zu verdienen, wird es eine Lösung geben. Bis dahin könnten weitere Spiele in Europa stattfinden. Erst vor wenigen Tagen deutete die NFL an, dass Deutschland für solche Pläne ganz oben auf der Liste steht. Hamburg und gelten als Spielorte. Es könnte also sein, dass die Football-Fans bald vom Fischmarkt oder Viktualienmarkt ins Stadion pilgern. Oaklands Trainer Jon Gruden wäre gerne dabei. Er beendete seine Pressekonferenz mit den Worten: “I’ll be back”.

Matthias Gindorf ist Football-Fan, seit die Buffalo Bills viermal in Folge den verloren. Er berichtet über die NFL – auch aus den Stadien. In seinem Blog beimfootball.de geht es um den Blick auf die Liga und die Spiele, mit Interviews und Expertentalks.



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