Übergriffige “Block Cams”: Warum die WM-Voyeur-Kameras weg müssen


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Gina Lückenkemper geht bei den 100 Metern in Doha an den Start – der Seiko-Startblock filmt mit.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Läuferinnen protestieren bei der -WM gegen Kameras im Startblock, die sie in den Schritt filmen. Der Weltverband reagiert mit einem halbherzigen Kompromiss. Zu wenig: Die “Block Cams” verbessern das Sporterlebnis nicht und sind extrem übergriffig.

Entwickelt hat das Ganze ein Uhrenkonzern. Das japanische Unternehmen Seiko, das auch Kameraobjektive fertigt, baute die Startblock-Kamera, die Sportlerinnen und Sportler bei der Leichtathletik-WM in Doha von unten zwischen die Beine filmt. Aber sich damit entschuldigen, dass Seiko sich nicht so in der Leichtathletik auskenne und die nun aufgeflammte Problematik um die Intimsphäre der Läuferinnen nicht auf dem Schirm hatte, kann sich das Unternehmen nicht: Als langjähriger Partner des Leichtathletik-Weltverbands Iaaf hat Seiko die “Block Cam” zusammen mit deren Technik- und Produktions-Team entwickelt. Und verantwortlich für die Idee war ohnehin: ein Mann. Westbury Gillett, “Productions Creative and Live Director” beim Weltverband.

“Näher an die Action als jemals zuvor” soll der Zuschauer lauf Iaaf gebracht werden, mit “innovativen Perspektiven” dank dieser “wegweisenden Technologie”. Ja, man werde gar die “Rundfunkberichterstattung revolutionieren”. Mit Revolution hat es wenig zu tun, wenn Frauen, teilweise sogar in Zeitlupe, von unten in den Intimbereich gefilmt wird. Das ist schlichtweg übergriffig. Auch bekannt als Upskirting. Dieser Begriff beschreibt, wenn Menschen unter den Rock (englisch: skirt) geblickt oder gefilmt wird. Gerade in Japan ist das heimliche Upskirt-Fotografieren verbreitet, weshalb sich bei japanischen iPhones auf einen Regierungsbescheid hin der Auslöser-Ton nicht mehr ausschalten lässt. Ohne eine Einwilligung wird das, was in Doha passiert, in vielen Ländern sogar strafrechtlich als sexueller Übergriff verfolgt und mit bis zu zwei Jahren Gefängnis bestraft. Läuferinnen wurden vor der WM natürlich nicht befragt, ob sie diese technische Neuerung goutieren. Sprint-Star Tatjana Pinto wusste anfangs gar nicht, wo die Kamera positioniert ist und wurde erst im Interview nach ihrem ersten Rennen von Reportern aufgeklärt.

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“In den knappen Sachen über diese Kamera zu steigen, um in den Block zu gehen, finde ich sehr unangenehm.” – 100-Meter-Sprinterin Gina Lückenkemper.

(Foto: dpa)

Wegweisend ist auch an den Bildern nichts, die daherkommen ein Web-Cam-Stream von 2004. Respektlos ist es hingegen durchaus. Erfinder Gillett glaubte, die Zuschauer würden “einen entscheidenden Moment des Dramas verpassen”, wenn sie nicht die Gesichter vor den Sprints sehen könnten. Erstens filmen aber die “Block Cams” die Gesichter nur von unten, was nicht gerade zu Highlights führt. Und zweitens zeigen auch die unzähligen, vor den Läuferinnen und Läufern positionierten Kameras mit ihren Zoom-Objektiven die Emotionen in den Gesichtern der Sportler sehr gut. Zurecht regten sich die Läuferinnen über die Voyeur-Kameras auf. “In den knappen Sachen über diese Kamera zu steigen, um in den Block zu gehen, finde ich sehr unangenehm”, sagte 100-Meter-Sprinterin Gina Lückenkemper.

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Das ist keine wirkliche Lösung

Nachdem unter anderem der Deutsche Leichtathletik-Verband beim Iaaf Protest einlegte, habe der Veranstalter “versichert, dass die Bilder in der Regie – während die Athleten in den Block gehen – geschwärzt werden.” Erst danach würden die Aufnahmen wieder gezeigt. Allerdings: Das ist keine wirkliche Lösung. Die Frauen werden in ihrer Laufkleidung, die oft nicht mehr Stoff hat als eine Unterhose, weiterhin von unten gefilmt. Die Regie kann immer noch zwischen ihre Beine blicken. “Du weißt, dass die Kamera da ist. Das ist das Unangenehme daran”, sagte Lückenkemper.

Passenderweise starten im Seiko-Promovideo nur Männer über der Startblock-Kamera. Hätte das Unternehmen hier auf gesetzt, das Fiasko hätte vielleicht noch verhindert werden können. Oder wurde im Video bewusst auf Frauen verzichtet, damit der Weltverband und Seiko nicht schon vor dem WM einen Shitstorm ernten mussten?

Bleibt die Frage: muss der Zuschauer stetig noch “näher” an den Sportlern sein? Diese Intimität wird den Leichtathletik-Fans mit den Voyeur-Kameras nur vorgegaukelt, denn letztendlich setzt die WM in Doha auf weltfernes Entertainment. Ein großes Brimborium, das dem Globus zeigen soll, wie fortgeschritten, sauber und problemlos die Dinge im Wüstenstaat Katar laufen. Runtergekühlte Stadien, sinnlose Showelemente wie Pyro- und Licht-Shows – und eben “wegweisende” Kameras, die den TV-Zuschauer vom Fernsehsessel reißen sollen, aber nur uninteressante und übergriffige Einblicke liefern.

Dass dabei keine Zuschauer ins Stadion kommen, was wirkliche Nähe erzeugen würde, oder die Marathonläuferinnen vor den Toren des Stadions in der Wüstenhitze reihenweise umkippen, scheint die Veranstalter kaum zu interessieren. Und durch die Upskirt-Kameras pfeift die Iaaf auch auf Frauen, ihre Rechte und ihre Intimsphäre.



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