“Verliebt ins Gewinnen sein”: BVB ringt Prag qua wehrhafte Laufwerk nieder


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Das Musketier-Motto “Einer für alle, alle für einen” beherzigte der BVB in Prag.

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Die Mentalität ist derzeit ein heftig diskutierter Faktor bei Borussia Dortmund. An ihr mangelt es im Champions-League-Spiel gegen Slavia Prag nicht. Der Fußball-Bundesligist holpert zwar durch das Spiel, steht an dessen Ende aber als Sieger da. Und Kritiker zum Verstummen bringen.

Zur verstorbenen Schlagerikone Karel Gott pflegen sie bei Borussia Dortmund eine besondere Verbindung, seit der Tscheche 1996 im Dortmunder Meisterjahr gemeinsam mit Stadionsprecher Norbert Dickel vor der Südtribüne den Gassenhauer “Schwarz-gelb wie die Biene Maja” trällerte. Am Tag, als bekannt wurde, die “Goldene Stimme aus Prag” sei für immer verstummt, gab der BVB in der Stadt an der Moldau seine Visitenkarte in der Champions League ab. Vor Spielbeginn gab es minutenlange Ovationen für den verschiedenen Star, dann wurde Fußball gespielt gegen die mit Abstand beste tschechische Vereinsmannschaft, die 24 Pflichtspiele in Folge ungeschlagen war und dabei wettbewerbsübergreifend in den letzten 15 Partien gerade Mal drei Gegentreffer zugelassen hatte.

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Dass der Außenseiter in der stark besetzten Gruppe F alles andere als Laufkundschaft darstellt, hatte Slavia bereits beim beachtlichen 1:1 bei Inter nachgewiesen, als die Italiener erst in der Nachspielzeit das Remis sichern konnten. Dies sei eine physisch präsente und laufstarke Einheit, hatte Dortmunds Trainer vor Spielbeginn verkündet. Tugenden also, mit denen die hochbegabten Kicker des BVB ihre Probleme hatten. Am Ende hatte der börsenorientierte Revierklub das Spiel dank der beiden Treffer von Matchwinner Achraf Hakimi mit 2:0 (1:0) gewonnen, ein Erfolg der hart erarbeitet und vor allem deshalb unter dem Prädikat besonders wertvoll verbucht wurde.

Es war eine echte Bestandsprobe, die Borussia musste sich in der kämpferisch geführten zweiten Halbzeit an der Moldau als defensiv stabile Einheit erweisen, eine Probe, die Hummels und Co. bestanden. Am Ende hatte der BVB zwar weniger Ballbesitz als der Gegner, bestand den Charaktertest jedoch, weil er sich – anders als zuletzt vielfach vermutet – als wehrhafte Einheit bewies, die in der Lage ist, dem Schicksal trotzen. Das kam weit weniger glanzvoll daher als der Münchener Galaauftritt bei , darf aber dennoch als ebenso wertvolle Erfahrung wie zukunftsweisende Erfahrung gewertet werden. Nach dem Motto: können auch kämpferisch bestehen, wenn wir spielerisch hinter unseren Möglichkeiten bleiben.

“Lasst uns doch mal das Positive sehen”

Der Erfolg war künstlerisch wirklich nicht wertvoll, aber das war in diesem Moment egal. Es sei eine gute Erfahrung, “dass wir in der zweiten Halbzeit zwar die Kontrolle über das Spiel verloren haben, dem Druck aber standgehalten haben”, betonte Sebastian Kehl. Die Frage, dem BVB das Spielgeschehen dermaßen aus den Händen gleiten konnte, empfand der Leiter der Lizenzspielerabteilung als nicht zulässig: “Lasst uns doch mal das Positive sehen”, beschwor der ehemalige Kapitän: “Wir haben heute bei einer sehr starken Mannschaft, die in Mailand mit viel Pech 1:1 gespielt und kaum Gegentore zulässt, mit 2:0 gewonnen. Wir müssen doch nicht immer das Haar in der Suppe suchen.” Das sah Kapitän Marco Reus ähnlich, der betonte, “dass wir vor allem bei den Standards sehr aufmerksam verteidigt haben. Das ist uns in den letzten Wochen und auch in der letzten Saison nicht immer gelungen.”

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Ist der so heftig gescholtene Börsenklub also auf dem richtigen Weg? Der so häufig benutzte Terminus Mentalität sei so etwas “wie der große Bruder vom Stellungsfehler”, gab Abwehrchef Mats Hummels zu Protokoll: “Der wird benutzt, wenn man nicht so genau weiß, was schiefgelaufen ist.” Derweil forderte Mittelfeldmotor Axel Witsel: “Wir müssen wieder wie Killer auftreten”.

“Nicht nur auf schönen Fußball verlassen”

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Matchwinner Hakimi.

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Im Gespräch mit der “Süddeutschen Zeitung” leistete auch BVB-Boss Hans-Joachim Watzke seinen Beitrag zur zäh geführten Debatte mit dem Grundtenor, die Dortmunder Mannschaft habe ein Mentalitätsproblem. Er sei der Meinung, sagte der 60-Jährige, “dass unsere Mannschaft eine sehr gute Mentalität hat”. Im Übrigen handele es sich um eine “reine Schlagwort-Diskussion”, sagte Watzke, um im gleichen Atemzug an die Berufsauffassung der Profis zu appellieren. “Ich glaube, dass wir aufhören müssen, in unseren eigenen Fußball verliebt zu sein. Wir sollten stattdessen verliebt ins Gewinnen sein. Darum geht’s.” Der BVB müsse lernen, das eigene Tor “wieder mit Zähnen und Klauen zu verteidigen” und sich “nicht nur auf unseren schönen Fußball” zu verlassen. “Wenn wir Titel gewinnen wollen, müssen wir an dieser Weggabelung, an der wir uns gerade befinden, klar erkennen: Nur mit schönem Fußball wird das nichts.” So kann man sich dem Thema Mentalität auch nähern und das kickende Personal in die Pflicht zu nehmen. Und das, ohne den ungeliebten Terminus in den Mund nehmen zu müssen.

Auf den Erfahrungen von Prag wollen die Dortmunder aufbauen. “Wir haben in der Champions League zwei Mal zu null gespielt”, so Reus: “Das müssen wir jetzt am Samstag auch in Freiburg zeigen. Da erwartet uns eine ähnlich schwierige Aufgabe.” Der Kapitän und seine Mitstreiter werden an dieser Aussage gemessen werden.



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