WM in Stuttgart, Mönch im Knast: Die traurige Seite jener Turn-Queen Biles


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Simone Biles beherrscht an jedem Gerät Höchstschwierigkeiten.

(Foto: imago images/Michael Weber)

An Simone Biles kommt man bei der Turn-Weltmeisterschaft in Stuttgart nicht herum. Amerikanerin hat bereits alles gewonnen – und zwar mehrfach. Mit mehreren Weltpremieren wird sie wahrscheinlich die Konkurrenz überstrahlen. Doch der Turn-Star hat auch eine traurige Seite.

Wenn Simone Biles turnt, scheint sie unbesiegbar zu sein. Egal, an welchem Gerät die US-Amerikanerin auch antritt, ihre Sprünge sind schwieriger, ihre Drehungen dynamischer, all ihre Ausführungen einfach eleganter. Und wenn die 22-Jährige am Ende ihrer Übungen auf der Matte landet, ihren Überkörper zu einer Art Bogen spannt, die Arme nach oben reißt und sich Richtung Kampfrichter mit einem ansteckenden Lächeln bedankt, gibt es von den Zuschauern stehende Ovationen und von den TV- oder Radioreportern regelrechte Hommagen.

Sie hat viel gelacht in ihrem Leben, diese Simone Arianne Biles. In Rio ist sie viermal Olympiasiegerin geworden. Bei ihren bisherigen vier Weltmeisterschaften hat Biles mit 14 Mal Gold so viele Titel geholt, wie niemand zuvor in ihrer Sportart. Bei der Weltmeisterschaft in Stuttgart, die an diesem Freitag startet, kann sie mit vier Medaillen den Weißrussen Witali Scherbo als erfolgreichsten Athleten der Turngeschichte ablösen. Dies dürfte für die 1,42 Meter kleine Ausnahme-Sportlerin reine Formsache sein. Und noch ein Rekord gibt es zu knacken: Noch nie ist es einer Athletin gelungen, alle sechs zu vergebenen WM-Titel zu gewinnen.

“Sind sehr gut darin, Dinge zu verdrängen”

Doch ihr strahlendes, bezauberndes All-American-Lächeln war für Biles Jahrelang einfach nur eine Art Schutzmechanismus. Eine gewisse Routine, die die wahren Gefühle sprichwörtlich überstrahlte. “Wir sind sehr gut darin, Dinge zu verdrängen, sie in unseren Hinterkopf zu schieben, damit wir nicht daran denken müssen”, erklärte Biles vor einem Jahr gegenüber dem Fernsehsender CNN – und kämpfte dabei mit den Tränen.

Kurz zuvor war Larry Nassar zu einer Freiheitsstrafe von bis zu 175 Jahren verurteilt wurden. Nassar hatte als Arzt der US-Nationalmannschaft seit 1996 das Vertrauen von Hunderten Mädchen und Frauen perfide ausgenutzt und sie sexuell missbraucht. Obwohl es zahlreiche Beweise für Nassars Vergehen gab, schwieg der US-Turnverband, USA Gymnastics, entließ ihn erst 2015 – und meldete den Fall erst fünf Wochen später dem FBI.

Mutiger Schritt an die Öffentlichkeit

Turnen ist in den USA die beliebteste Sportart der Sommerspiele. Die Entscheidungen werden zur besten Sendezeit auf NBC übertragen. Tausende Mädchen schauen zu, träumen davon, die nächste Simon Biles zu werden. Da wäre ein schlechter Ruf womöglich geschäftsschädigend gewesen und hätte Fragen bei Sponsoren aufkommen lassen. Gold und waren dem Verband wichtiger als seine Fürsorge-Pflicht für junge Frauen. Als Biles in Rio mit ihren Übungen die Massen begeistert, ahnt niemand, dass auch sie ein Opfer von Nassar ist. Erst als nach den Spielen ihre Teamkollegin Aly Raisman an die Öffentlichkeit geht und weitere Turnerinnen folgen, wagt auch Biles via Twitter diesen Schritt.

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Es war nicht das erste emotionale Kapitel ihres Lebens. Denn Biles wächst ohne ihre leiblichen Eltern auf. Vater Kelvin hat sie nie kennengelernt, Mutter Shanon hatte ihre eigenen Probleme. “Sie war wegen - und Alkoholmissbrauchs oft im Gefängnis”, sagte Biles 2017 der Tageszeitung “USA Today”. Als Biles drei Jahre alt ist, verliert ihre Mutter das für Simone und deren Geschwister Adria, Ashley und Tevin. “Ich kann mich noch daran erinnern, ständig Hunger und Angst gehabt zu haben”, sagt Simone Biles. Zusammen mit ihrer Schwester Adria wird sie bei einer Pflegefamilie untergebracht.

Von den Großeltern adoptiert

Sie habe sich “vor allem gefreut, wenn Grandpa zu Besuch kam”, so Biles. Doch Großvater Ron Biles schmerzt jedes Mal das Herz, wenn er seine Enkelkinder sieht. “Die Tatsache, dass ein Teil meiner Familie, mein eigenes Blut, bei Fremden lebte, hat mich beunruhigt”, sagte er 2016. Zusammen mit seiner Nellie adoptiert er Simone und Adria. Ron’s Schwester bekommt für Ashley und Tevin das Sorgerecht.

Wenn Simone Biles über Ron und Nellie redet, spricht sie von “meinen Eltern” – und zwar in wärmsten Worten. “Meine Eltern haben mich gerettet”, betont sie etwa. Oder auch: “Sie waren vom ersten Tag an da, um mich zu unterstützen. Und sie waren ein gutes Beispiel, wie man mit anderen Menschen umgeht. Ich kann ihnen einfach nicht genug danken.”

Biles-Element vor Eintrag ins Regelwerk

Ron und Nellie waren in Rio dabei und sie werden auch in Stuttgart sein, um ihre Simone zu unterstützen. Die will bei der WM unter anderem am Boden ihren “Triple-Double” turnen – einen gehockten Doppelsalto mit drei Schrauben. Dieses Element hatte sie als erste Frau der Turngeschichte bereits im August bei den US-Meisterschaften erfolgreich gezeigt. Gelingt er ihr auch in Stuttgart, wird der “Triple-Double” nach ihr benannt und ins Regelwerk des Turn-Weltverbandes FIG aufgenommen. Genauso könnte es mit einem “Double-Double” als Abgang am Schwebebalken gelingen.

Biles ist zwar als klare Favoritin angereist, aber nicht ganz ohne Sorgen. Ihr Bruder Tevin Biles-Thomas wurde Ende August festgenommen. Laut Untersuchungsbehörden soll er am 31. Dezember auf einer Silvester-Party in Cleveland drei Menschen erschossen haben. Ihm werden unter anderem Mord, fahrlässige Tötung und verbrecherische Tätlichkeit vorgeworfen. Simone Biles teilte via Twitter mit, dass ihr “Herz schmerzt” und sie allen, die von dieser “schlimmen Tragödie betroffen sind” ihr aufrichtiges Beileid aussprechen möchte. Tevin Biles-Thomas betonte, unschuldig zu sein. Während seine Schwester in Stuttgart um weiteres WM-Gold turnt, sitzt er weiterhin im Gefängnis in Cleveland.



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